Keine Angst, es ist nur ein Gefühl!


Während der Suche nach Antworten auf einige große Fragen des Lebens bin ich unweigerlich mit dem ebenso großen Thema Gefühle konfrontiert worden. Mit den schönen, aber eben auch mit den ungeliebten. Und speziell letztere haben es verdient, näher erforscht, verstanden und gefühlt zu werden.

Dabei wurde mir bewusst, wie falsch wir mit unseren Gefühlen und denen unserer Kinder umgehen. Wir haben es nicht gelernt, unsere Eltern und deren Eltern ja größtenteils auch schon nicht. 

Über Generationen hinweg versuchen wir, die unangenehmen Gefühle zu verdrängen, uns und unsere Kinder bei aufkommenden unschönen Gefühlen abzulenken, sie zu unterdrücken oder ganz schnell ein schönes Gefühl drüberzustülpen. 

Die Intention ist verständlich und menschlich – wir wollen möglichst nur positive Gefühle fühlen und haben den unbedingten Wunsch, dass unsere Kinder nicht leiden und stets glücklich sind. Plötzlich finden wir uns aber in Situationen wieder, in denen unser Kind wutentbrannt, ängstlich oder traurig (oder alles auf einmal) ist und stellen fest, wie überfordert und hilflos wir selbst eigentlich sind. Mir ging es jedenfalls sehr oft so. Dann reagieren wir aus diesem Gefühl heraus, werden auch wütend, ängstlich und traurig und finden uns mit dem schlechten Gewissen ab, total überfordert zu sein, als Eltern und Vorbild komplett versagt zu haben. 

In der Hoffnung, dass diese "Phase" einfach schnell wieder vorbei sein möge, kompensieren wir unser schlechtes Gewissen mit übertrieben positivem Aktionismus und Ablenkungsstrategien, um möglichst schnell den ungeliebten Gefühlen eins überzubraten.

Wir halten es schlichtweg nicht aus, unsere Kinder leiden zu sehen. Wir halten es ja bei uns selbst nicht aus. Dass diese ungeliebten Gefühle es aber Wert sind, wahrgenommen, gefühlt und angenommen zu werden, übersehen wir dabei vollkommen. 

Das Leben verläuft in Wellen. Es ist eben nicht immer nur Ponyhof und rosarot, sondern manchmal auch Tiefschwarz. Das dürfen in erster Linie wir als Erwachsene für uns erkennen; denn unsere Schattenseiten und Fehler gehören genauso zu uns und unserem Leben wie unsere Erfolgserlebnisse und Glücksmomente. 

Uns diesen dunklen Teilen zuzuwenden erfordert Mut, Achtsamkeit, Geduld und Durchhaltevermögen. Aber es wird belohnt. Ungeliebte Gefühle sind Botschafter und Wegweiser. Sie helfen, uns zu beschützen, uns zu aktivieren, unsere persönlichen Grenzen zu erkennen, für uns selbst einzustehen unsere Schmerzen zu heilen und uns und dem Leben zu vertrauen. 

Jedes Gefühl birgt eine Umwandlung in sich und hilft uns, uns kurzfristig zu aktivieren, um unser fokussiertes "Ziel" zu erreichen.

Jeder kennt diese Ohnmacht, sich seinen Gefühlen komplett ausgeliefert zu fühlen, wenn sie uns übermannen und regelrecht einnehmen.
Gefühle führen allerdings kein Eigenleben, wir sind verantwortlich für unsere Gefühle – WIR erschaffen sie selbst. Mit unseren Gedanken, bzw. der unreflektierten Bewertung dieser. 

Da ist ein neues ABC(G), das wir lernen dürfen. Auslöser – Bewertung – Gefühl. Denn wenn wir uns nur auf den Auslöser (die Gedanken) und die Konsequenz (das Gefühl) konzentrieren, entstehen Glaubenssätze und Muster, die unsere gesamte Wahrnehmung und unser Leben prägen. So finden wir uns als Erwachsene in Therapien wieder, um diese frühen Erfahrungen, Prägungen und Muster aufzulösen und unser inneres Kind zu heilen.

Wie wäre es, wenn wir diesen generationsübergreifenden Kreislauf durchbrächen? Für uns selbst und für unsere Kinder ein Vorbild werden – unsere Schuld und das ständige schlechte Gewissen auflösen?

Mit meinem Buch "Du bist also meine Angst" möchte ich ein neues Kapitel aufschlagen. Obwohl es in erster Linie ein Kinderbuch ist, richtet es sich doch auch an uns Vorlesende, an unser eigenes inneres Kind. Wir lernen am Modell – unsere Kinder lernen am Vorbild. Sie schauen sich bewusst und unterbewusst ab, wie WIR mit unseren Gefühlen umgehen.

Mein erstes Buch ist dem Gefühl ANGST gewidmet. Angst ist nicht nur aufgrund der derzeitigen Situation ein so großes Thema. Angst ist zeitlos. Sie liegt anderen Gefühlen zu Grunde und hat die Macht, andere Gefühle komplett zu überlagern.

Rein körperlich betrachtet ist Angst eine Aktivierung. Sie bereitet uns darauf vor, mit dem Angreifer, dem Problem umzugehen. Ich möchte hier nicht näher auf den Säbelzahntiger eingehen, allerdings ein bisschen auf die Entwicklung dieses Gefühls:

Früher waren die Angstauslöser ganz klar, konkret und definierbar. Angst war vielmehr eine kurzfristige Reaktion, um auf den Angreifer reagieren zu können und unser Überleben zu sichern. Nach dem Angriff verschwand das Gefühl. 

Heute sitzen wir (zumindest der privilegierte Teil von uns) zu Hause und haben keinen konkreten Angreifer. Unsere Angstauslöser sind diffus und unkonkret – unser Körper reagiert jedoch mit den alten Reflexen: Herzrasen, schnelle Atmung, Muskelanspannung etc., als müssten wir uns auf Flucht oder Angriff vorbereiten.

Die Angstreaktion ist also etwas Vorprogrammiertes aus dem Steinzeitalter.

Auch wenn der Grund der Angst nicht nachvollziehbar, weil rational logisch nicht greifbar, ist doch das Gefühl dasselbe. So am Beispiel mit der Angst vor einem Monster unterm Bett. Das Kind fühlt die Angst, ob logisch begründet oder nicht. Wenn wir Erwachsene es also abtun mit den Worten „Du brauchst doch keine Angst zu haben – es gibt doch keinen Grund“, führt es eher dazu, dass das Kind entweder seinem Gefühl misstraut und/oder seinen Eltern. Denn wir signalisieren dem Kind damit, dieses Gefühl ist nicht richtig und lassen es mit dem Gefühl allein.

Jetzt gibt es Methoden wie: "Wir verjagen das Monster mit dem Monsterspray". Dieses Hochstilisieren kann allerdings für noch mehr Unsicherheit sorgen. So eine Riesenaktion, so ein Wirbel bedeutet fürs Kind, dass doch irgendwas dran sein muss.

Das Gefühl ernst zu nehmen bedeutet nicht, das Gefühl einfach zu definieren, es sofort zu labeln. Wir sollten vielmehr mit dem Kind versuchen zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wo wir es körperlich fühlen und wie man mit diesem komischen Gefühl umgehen könnte. Oft handelt es sich auch um Fehlinterpretationen. Vielleicht sogar eigene unbewusste Glaubenssätze, die wir unseren Kindern überstülpen. Bei kleinen Kindern ist es oft „nur“ ein unkonkretes Gefühl des Unwohlseins, der Unsicherheit, die Frage an uns Eltern: Kannst Du mir Sicherheit geben? Ist alles in Ordnung?

Angst ist und bleibt nur ein Gefühl. Sie erscheint vielleicht in einem Moment ganz groß, aber sie wird auch wieder kleiner. Unser Körper ist garnicht darauf ausgerichtet, ein Gefühl langfristig aufrechterhalten zu können. Du bist nicht die Angst, sie definiert Dich nicht, aber sie ist ein Teil von Dir, der Deine Aufmerksamkeit sucht und Dich schützen will.

Damit wir und unsere Kinder lernen, mit Gefühlen zurechtzukommen, sollten wir die Gefühle auch erleben und erleben lassen. Mit uns Erwachsenen im Hintergrund und als Vorbild – und mit diesem Buch als Unterstützung. :)

Über die Akzeptanz und das Annehmen des Gefühls lernen wir und unsere Kinder, schwierige Situationen und Gefühlszustände zu meistern - resilient zu werden. Das ist vielleicht das fundamentalste Gerüst, das wir uns und unseren Kindern in dieser Welt bauen können.

 

Ich wünsche mir, mit diesem Buch ein Umdenken bzw. „Umfühlen“ in Bezug auf unsere Gefühle zu erreichen. Uns ihnen liebevoll zuzuwenden, sie anzunehmen und zu fühlen.

  lichste Grüße Elisa